Offener Brief an Freiburgs Oberbürgermeister, 5. April 2010

Offener Brief - Freiburg Schlusslicht bei der Jungenförderung

Sehr geehrter Herr Dr. Salomon,

wir sind ein Verein, der sich u.a. für die Förderung von Jungen einsetzt und werden häufig von der Freiburger Bürgerschaft auf die Vernachlässigung von Jungenförderung in Ihrer Stadt aufmerksam gemacht.

Fast jeder 10. Junge ohne Migrationshintergrund und fast jeder 4. Junge mit Migrationshintergrund verlässt heute die Schule in Deutschland ohne einen Abschluss. In Freiburg ist die Situation mit 12% männlicher Schüler ohne Hauptschulabschluss noch schlechter. Die männliche Jugendarbeitslosenquote ist in manchen Regionen um über 40% höher als die weibliche. Der nationale Bildungsbericht 2008 bestätigt, dass das Risiko für Jungen und junge Männer, im Bildungssystem zu scheitern, nach wie vor zunimmt. Die Shell-Jugendstudien zeigen zunehmend schlechtere Zukunftsperspektiven für Jungen und männliche Jugendliche. Der Bildungsbericht Ihrer Stadt belegt, dass Jungen deutlich häufiger nicht versetzt werden als Mädchen. Der Jungenanteil bei den Abschlüssen mit allgemeiner Hochschulreife macht in Ihrer Stadt nur noch lediglich 40% aus.

In der Vergangenheit beschränkte sich die geschlechterspezifische Förderung auf die Förderung von Mädchen. Man machte etwas Spezielles für Mädchen, ließ Jungen einfach weg und dachte, das Thema „Geschlecht“ abschließend behandelt zu haben. Die zunehmend negative Entwicklung der Zukunftsperspektiven von Jungen zeigt, dass dies heute nicht mehr zeitgemäß ist. Auch in Ihrer Stadt ist durch eine Frauenbeauftragte für eine umfassende Mädchenförderung gesorgt. Jungen bleiben jedoch auf der Strecke.

In diesem Jahr, zehn Jahre nach Einführung des bundesweiten Zukunftstages für Mädchen, führt Baden-Württemberg deshalb zum ersten Mal parallel zum Girls' Day flächendeckend einen Boys' Day durch, in denen Jungen geschlechteruntypische Berufsbereiche vorgestellt werden sollen.

Schon mit Schreiben vom 30. Oktober 2007 an die regionalen Arbeitskreise zur Umsetzung des Girls’ Days, sowie an die Kommunalen Gleichstellungsbeauftragten und die Fachreferate für Chancengleichheit in den Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg, hat deshalb das Ministerium für Arbeit und Soziales für die Durchführung von Boys’ Days in möglichst vielen Regionen und Einrichtungen im Land geworben.

Betrachtet man die Aktionslandkarte der zentralen Boys' Day-Datenbank von Baden-Württemberg www.boys-day-bw.de/ mit Stichtag vom 05.04.2010, zeigt sich, dass noch erhebliche Lücken in diesen Boys' Day-Angeboten vorhanden sind. Ein Vergleich der neun Großstädte in Baden-Württemberg ergibt, dass aus Karlsruhe etwa 60, aus Mannheim, Heilbronn und Pforzheim jeweils etwa 30, Stuttgart und Reutlingen jeweils etwa 25 und Ulm etwa 10 Plätze angeboten werden. Dagegen findet man aus Freiburg Anfang April lediglich zwei Praktikumsplätze der Kita Tausendfühler in der Datenbank, obwohl der Boys' Day bereits am 22. April stattfindet. Freiburg bildet damit zusammen mit Heidelberg das Schlusslicht der Jungenförderung in Baden-Württemberg.

Da die Berufsbereiche, die Jungen an diesem Boys' Day vorgestellt werden sollen, in kommunalen Einrichtungen zu finden sind, wie z.B. im sozialen, pflegerischen, medizinischen, erzieherischen oder pädagogischen Bereich, hängt der Erfolg und der Misserfolg des Boys' Days vom Engagement der Kommunen und dem Interesse der Kommunalpolitikerinnen und -politiker an den Zukunftsperspektiven von Jungen ab.

Ihr Bildungsbericht belegt deutliche Nachteile von Jungen im Bildungswesen auch in Freiburg. Konsequenzen daraus sind jedoch nicht erkennbar. Dies zeigt, dass die zunehmenden Bildungsmisserfolge von Jungen weniger als Problem erkannt, sondern eher als positive Rückmeldung Ihrer einseitigen Mädchenförderung gesehen werden. Tatsächlich stellen jedes Jahr die verschiedenen Parteien im Stadtrat Anträge oder Änderungsanträge zur Mädchenarbeit. Jungenarbeit ist dort jedoch offenbar ein Fremdwort.

Aus diesem Grunde existiert in Freiburg lediglich eine Koordinationsstelle für Mädchenarbeit. Eine Koordinationsstelle für Jungenarbeit gibt es u.W. nicht, da es keine Jungenarbeit gibt, die koordiniert werden müsste.

Wir haben schon mit Datum vom 5. Januar 2007 eine Anfrage an die Stadt Freiburg gestellt, in der wir die einseitige Ausrichtung Ihres Papiers „Pädagogischer Qualitätsstandard Geschlechtsbezogene Erziehung“ auf Mädchenförderung kritisiert haben und unsere Befürchtung aussprachen, den Zukunftsperspektiven von Jungen zu wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Befürchtung hat sich bewahrheitet.

Eine Antwort haben wir übrigens seinerzeit nicht erhalten. Ob sich niemand für die Anfrage zuständig fühlte oder ob sich in Freiburg niemand für Jungen interessiert, wissen wir nicht. Offensichtlich haben Jungen in Ihrer Stadt keine Lobby.

Wir bedauern, dass Ihre Gleichstellungsstrategie „Gender Mainstreaming“ exakt dort endet, wo die Nachteile von Jungen beginnen und appellieren nochmals an Sie, Jungenförderung zu einem kommunalpolitischen Thema zu machen und sich Ihrer Verantwortung auch gegenüber den Jungen Ihrer Stadt und deren Zukunftsperspektiven zu stellen.
 

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