Betrifft: Heft Flohkiste April Nr.9/2008
Offener Brief vom 2.5.08
Stiftung LERNEN der Schul-Jugendzeitschriften
FLOHKISTE/floh!
Menzinger Str. 13
80638 München
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir sind ein Verein, der sich u.a. für eine Bildungsförderung von Jungen einsetzt. Unser Projekt „Jungenleseliste“ ist mittlerweile bundesweit bekannt.
Mit Interesse haben wir Ihre Ausgabe Nr. 9 April 2008 der Zeitschrift "Flohkiste" zum Geschlechterthema gelesen. Das Thematisieren von geschlechterspezifischen Vorurteilen halten wir für wichtig. Allerdings kritisieren wir Ihre doch sehr einseitige Darstellung dieses Themas.
Bei den Vorurteilen in Ihrem Heft werden vorwiegend Mädchen und Frauen diskriminierende Vorurteile vorgestellt. Jungen und Männer diskriminierende Vorurteile werden aber nicht nur nachrangig behandelt, sie werden sogar gefördert.
Das Heft beginnt mit einem Gedicht, in dem Männer dargestellt werden, als wären sie nicht fähig, einen Nagel gerade in die Wand zu schlagen. Diese abwertende Art und Weise zieht sich durch das ganze Heft und endet so, wie es begonnen hat, mit einer „witzigen“ Bildergeschichte über einen Jungen, der, natürlich stur von seinen Fähigkeiten überzeugt, nicht fähig ist, eine Wasserleitung abzudrehen, bis ihm die „starke Frau“ hilft. Sie kolportieren mit solchen Beiträgen bewusst jungen- und männerfeindliche Klischees.
Solche Klischeevorstellungen sind eine schlechte Basis für eine positive Förderung von Jungen. Wir bedauern sehr, dass sich auch heute noch die geschlechtersensible Arbeit auf die Stereotypen „Mädchen fördern und stärken, Jungen sanktionieren und beschämen“ beschränkt, obwohl längst auch Jungen gestärkt werden müssten.
Die Studie „Bildungsmisserfolge von Jungen“ des Bundesbildungsministeriums hat gezeigt, dass Jungen in allen Fächern bei gleichen schulischen Kompetenzen schlechtere Noten als Mädchen erhalten und dass Jungen bei gleichen Noten seltener an höhere Schulen empfohlen werden als Mädchen. Halten Sie diese Ungleichbehandlung für gerecht? Thematisiert wird Sie bei Ihnen nicht.
In Ihrer Zeitschrift wird zwar das Vorurteil thematisiert, Mädchen könnten nicht rechnen. Über die Probleme von Jungen mit dem Lesen findet sich hingegen nichts. Schon die PISA-Studie 2000 hat Jungenleseförderung als eine große bildungspolitische Herausforderung dargestellt. Eine Herausforderung, der sich die Politik bis heute nicht ernsthaft stellt. In diesem Zusammenhang weisen wir darauf hin, dass man die schlechteren Mathematikleistungen von Mädchen nicht zuletzt durch gezielte Förderung wett gemacht hat.
Immerhin thematisiert der beigefügte „Elternbegleiter“, herausgegeben mit dem Bayrischen Lehrerinnen- und Lehrerverband, die Leseproblematik. Dieser “Elternbegleiter“ behandelt das Geschlechterthema wesentlich sensibler und objektiver, als es Ihre Zeitschrift für die Kinder tut.
Dort, wo Sie Jungen männeruntypische Bereiche aufzeigen, sind es fast durchweg negativ konnotierte Tätigkeiten, wie z.B. putzen oder bügeln. Wir finden es durchaus richtig, Jungen zu mehr Selbstständigkeit im Haushalt zu erziehen. Weshalb werden Jungen aber nicht auch positiv konnotierte männeruntypische Bereiche eröffnet? Mädchen sollen für Fußball interessiert werden. Das ist sicher richtig. Warum ist man aber nicht bestrebt, Jungen z.B. Tanzen oder künstlerische Tätigkeiten zu eröffnen?
Besonders negativ fällt uns Ihre einseitige Darstellung der Geschlechterrollen in Dritte-Welt-Ländern auf. Ohne Frage ist es ungerecht, wenn Mädchen im Haushalt mithelfen müssen, während Jungen spielen dürfen. Durch Ihre einseitige Darstellung wird jedoch eine pauschale Privilegierung von Jungen in diesen Ländern kolportiert, die so nicht existiert. Wir weisen darauf hin, dass Jungen in südamerikanischen Ländern zu Arbeiten in Untertagebergwerken missbraucht werden, die ihre Gesundheit ruinieren, wenn diese Jungen ihr 18. Lebensjahr überhaupt erleben. In Asien müssen Jungen tagaus, tagein in giftigen Brühen und Dämpfen hantieren und arbeiten. In Afrika und Asien werden Jungen zu Kindersoldaten rekrutiert. Und wie Sie sicherlich wissen, sind Jungen laut WHO-Daten häufiger von Gewalttaten betroffen als Mädchen. Vor diesem Elend halten wir Ihre Darstellung einer pauschalen Privilegierung von Jungen in solchen Ländern für unpassend.
Weiterhin enthält Ihre Zeitschrift einige sachliche Fehler. So wird z.B. der Beruf „Koch/Köchin“ als männerunterrepräsentierter Beruf dargestellt und umgekehrt „Arzt/Ärztin“ als frauenunterrepräsentierter Beruf. Beides ist nicht richtig. In Medizinstudiengängen finden Sie heute überwiegend Frauen, im Fach Veterinärmedizin beträgt der Männeranteil z.B. unter 20%, Tendenz fallend. Selbstverständlich gibt es keine Bestrebungen, Jungen für diesen Berufszweig zu interessieren.
Die Schule hat die Aufgabe, Mädchen UND Jungen zu einer möglichst guten Bildung zu verhelfen und nicht als Moderatorin für Ideologien zu fungieren. Wir regen deshalb an, zukünftig etwas mehr Empathie für die Belange von Jungen aufzubringen. Falls Sie bestrebt sind, zukünftig die Situation von Jungen etwas objektiver darzustellen, stehen wir Ihnen gerne mit unserem Wissen zur Verfügung.
Sie haben sicher Verständnis, dass wir uns auf Grund Ihrer doch sehr negativen Sichtweise auf Jungen entschlossen haben, die "Flohkiste" bis auf Weiteres in unseren Vorträgen zur Jungenleseförderung ausdrücklich als NICHT empfehlenswert für Jungen zu bezeichnen.
Für eine Rückantwort wären wir dankbar. Dieser Brief wird in einschlägigen Medien veröffentlicht.
Mit freundlichen Grüßen
MANNdat e.V.