Anfrage an die Stadt Freiburg zur Jungenförderung
5. Januar 2007
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir sind eine bundesweite, geschlechterpolitische Initiative, die sich für Gleichberechtigung engagiert, insbesondere mit dem Ziel, aktuelle Benachteiligungen von Jungen und Männern bekannt zu machen und zu beseitigen.
Wir halten die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer und geschlechtstypischer Belange von Jungen und Mädchen für ebenso wichtig wie Sie.
Wir sind von Bürgern auf Ihr Papier „Pädagogischer Qualitätsstandard
Geschlechtsbezogene Erziehung“ als Anlage 5 zum Qualitätsmanagement-Handbuch - pädagogischer Teil – hingewiesen worden.
In den letzten 30 Jahren wurden Mädchen gefördert, um ihre Zukunftsperspektiven zu verbessern. Dies war sicher richtig und ist in Teilbereichen auch heute noch sinnvoll. Dabei wurden jedoch Jungen sträflich vernachlässigt. Geschlechterspezifische Fördermaßnahmen waren gleichbedeutend mit mädchenspezifischen Fördermaßnahmen. Die Ausgrenzung der Jungen aus dem bundesweiten Zukunftstag ist ein Beispiel dafür. Die Tatsache, dass in Ihrem Papier auf Freiburger Leitlinien zur Mädchenarbeit hingewiesen werden kann, jedoch nicht auf Leitlinien zur Jungenarbeit, zeigt, dass auch in Freiburg bislang häufig jungenspezifische und jungentypische Belange und Probleme nicht bzw. nur nachrangig betrachtet wurden.
So wurden Jungen zunehmend zu Verlierer des deutschen Bildungswesens. Sie haben heute das geringere Bildungsniveau und die schlechtere Bildungsbeteiligung. Unabhängig von den Einzelschicksalen der Jungen, die Opfer dieses Geschlechterkrieges wurden, wird auch das Bildungspotential von Jungen vergeudet. Sie selbst schreiben in Ihrem Papier: „Annahmen der Sozialisationsforschung zufolge sind die Potentiale von Mädchen und Jungen ursprünglich sehr ähnlich...“.
Ihre Aussage „Jungen erhalten mehr Aufmerksamkeit und Förderung als Mädchen“ ist deshalb nicht nachvollziehbar und suggeriert die Absicht, Jungen noch stärker als bisher insbesondere aus Bildungsförderprojekten auszugrenzen.
Die Tatsache, dass die Kindertagesstätten in Baden-Württemberg jetzt auch offiziell dem Bildungsministerium und damit der Bildungspolitik unterstehen, macht deren bildungspolitischen Auftrag deutlich. In vielen Bereichen entwickeln sich Jungen langsamer als Mädchen, z.B. in der Sprachentwicklung oder in der Feinmotorik. Um eine Chancengleichheit zu erreichen, müssen diese unterschiedlichen Entwicklungen berücksichtigt werden. Das fordert das Kinder- und Jugendhilfegesetz. Auch die seit PISA offiziell bekannte schlechtere Lesekompetenz von Jungen kann im Vorschulalter durch Schulung phonologischer Fähigkeiten bekämpft werden. Über all diese erforderlichen Jungenfördermaßnahmen wird in Ihrem Papier nichts berichtet.
Mit Gender Mainstreaming ist heute das Werkzeug zur Hand, um eine gezielte Förderung von Mädchen UND Jungen zu realisieren. Wir möchten deshalb bei Ihnen anfragen, ob beabsichtigt ist, in naher Zukunft das Papier zur geschlechtsbezogenen Erziehung heutiger Sachverhalte anzupassen und ob in Freiburg Fördermaßnahmen für Jungen in Kindertagesstätten vorgesehen sind im Hinblick auf der Verbesserung schulischer Kompetenzen in den Bereichen, in denen sie geschlechtstypische Defizite aufweisen, und wenn ja, welche.
Für eine Rückantwort wären wir dankbar.
Mit freundlichen Grüßen
i.A. Dr. Bruno Köhler
Leiter des Projektes „Jungenleseliste“