Die empfohlene Petition

Aktion "Gebt Jungen eine Zukunft"

Der Verein MANNdat e.V. - geschlechterpolitische Initiative - hat am 14.08.04 eine Petition bei der EU bezüglich Jungenförderung eingerecht. Nachdem eine vorherige Eingabe beim Bürgerbeauftragten wegen dortiger Nichtzuständigkeit erfolglos blieb.

Petition an die EU

Einreichung auf elektronischen Wege unter:

Wir beschweren uns wegen der Nichtbeachtung des Gender Mainstreaming bei der Bildungsberichterstattung der EU und die damit zusammenhängende Benachteiligung von Jungen, männlichen Jugendlichen und jungen Männern in der Bildungskonzeption.

http://www.europarl.eu.int/petition/petition_de.htm


Kurze Schilderung
  1. Umsetzung des Gender Mainstreaming auch im Bildungsbereich und der Bildungsberichterstattung u.a. durch Darstellung und Würdigung der Benachteiligungsbereiche von Jungen und männlichen Jugendlichen.

  2. Stärkung der Lesekompetenz bei gleichzeitigem, gezielten Abbau der Differenz der Lesekompetenz zwischen Jungen und Mädchen.

  3. Förderung der Integration männlicher EU-Bürger in den Erziehungsbereich.

Sachverhalt
Wir haben im April 2004 vom Bildungsbericht der Europäischen Union - 6236/04 EDUC 32 "ALLGEMEINE UND BERUFLICHE BILDUNG 2010" - DIE DRINGLICHKEIT VON REFORMEN FÜR DEN ERFOLG DER LISSABONSTRATEGIE - erfahren.

Aus diesem Grunde wurden mit Beschwerde-E-Mail vom 13.04.04 die Europäische Kommission (siehe Anlage) und am gleichen Tag auch der Rat der Europäischen Union über deren Kontaktformular mit dem gleichen Text kontaktiert. Bis zum Abgang dieser Petition haben wir jedoch keine Rückmeldung von den betreffenden EU-Organen erhalten.

Eine Anfrage an den Europäischen Bürgerbeauftragten ergab, dass dieser für den genannten Sachverhalt nicht zuständig ist. Er hat uns empfohlen, an Sie heranzutreten, was wir hiermit tun.

Bildung ist eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen zur Persönlichkeitsentwicklung. Aus diesem Grunde halten wir Bildungsberichte für essentiell. Insbesondere wenn der Bericht, wie im vorliegenden Fall, die Grundlage zur zukünftigen Bildungspolitik bildet. Dennoch ist der Bildungsbericht der EU zu kritisieren, da er nicht konform mit dem Gender Mainstreaming-Ansatz ist.

Nach Artikel 3 (2) des EG-Vertrages wirkt die Gemeinschaft bei allen ihren Tätigkeiten darauf hin, Ungleichheiten zu beseitigen und die Gleichstellung von Männern und Frauen zu fördern.

Aus der Definition des Gender Mainstreaming:

"Hierbei geht es darum, die Bemühungen um das Vorantreiben der Chancengleichheit nicht auf die Durchführung von Sondermaßnahmen für Frauen zu beschränken, sondern zur Verwirklichung der Gleichberechtigung ausdrücklich sämtliche allgemeinen politischen Konzepte und Maßnahmen einzuspannen, indem nämlich die etwaigen Auswirkungen auf die Situation der Frauen bzw. der Männer bereits in der Konzeptionsphase aktiv und erkennbar integriert werden ("gender perspective"). Dies setzt voraus, daß diese politischen Konzepte und Maßnahmen systematisch hinterfragt und die etwaigen Auswirkungen bei der Festlegung und Umsetzung berücksichtigt werden."

"Förderung der Gleichstellung ist nämlich nicht einfach der Versuch, statistische Parität zu erreichen : Es geht darum, eine dauerhafte Weiterentwicklung der Elternrollen, der Familienstrukturen, der institutionellen Praxis, der Formen der Arbeitsorganisation und der Zeiteinteilung usw. zu fördern, betrifft die Chancengleichheit nicht allein der Frauen, die Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihre Selbständigkeit, sondern auch die Männer und die Gesellschaft insgesamt, für die sie ein Fortschrittsfaktor und ein Unterpfand für Demokratie und Pluralismus sein kann."

"Die Unterschiede zwischen den Lebensverhältnissen, den Situationen und Bedürfnissen von Frauen und Männern systematisch auf allen Politik- und Aktionsfeldern der Gemeinschaft zu berücksichtigen, das ist die Ausrichtung des « Mainstreaming »-Grundsatzes, den die Kommission verfolgt. Es geht dabei nicht nur darum, den Frauen den Zugang zu den Programmen und Finanzmitteln der Gemeinschaft zu eröffnen, sondern auch und vor allem darum, das rechtliche Instrumentarium, die Finanzmittel und die Analyse- und Moderationskapazitäten der Gemeinschaft zu mobilisieren, um auf allen Gebieten dem Bedürfnis nach Entwicklung ausgewogener Beziehungen zwischen Frauen und Männern Eingang zu verschaffen."

(Auszug aus der Kommissionsmitteilung zur "Einbindung der Chancengleichheit in sämtliche politische Konzepte und Maßnahmen der Gemeinschaft" (COM(96)67 endg.))

Der Bildungsbericht der Europäischen Union - 6236/04 EDUC 32 "ALLGEMEINE UND BERUFLICHE BILDUNG 2010" - DIE DRINGLICHKEIT VON REFORMEN FÜR DEN ERFOLG DER LISSABONSTRATEGIE - stellt die Benachteiligungsfelder der weiblichen EU-Bürger explizit dar, lässt die Benachteiligungsfelder der männlichen Bürger jedoch unerwähnt.

Beispiele:
1. Kompetenzdefizite bzw. Kompetenzvermittlung Jungen/Mädchen:
Im Kapitel 2.2.1 wird unter dem Titel "Allen Bürgern die Schlüsselkompetenzen vermitteln, die sie brauchen" gefordert: "Insbesondere sollten Maßnahmen ergriffen werden, um junge Menschen, vor allem Mädchen, zu motivieren, sich für naturwissenschaftliche und technische Fächer zu entscheiden bzw. entsprechende Berufe zu ergreifen."

Die eklatanten Lesekompetenzdefizite der Jungen gegenüber den Mädchen, wie sie in der PISA-Studie eindruckvoll zu Tage kamen, werden jedoch mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn wird im Gegensatz zur besonderen Mädchenförderung im naturwissenschaftlich-technischen Bereich eine besondere Förderung für Jungen in diesem Bereich der Lesekompetenz gefordert. "PISA versteht Lesekompetenz als ein wichtiges Hilfsmittel für das Erreichen persönlicher Ziele, als Bedingung für die Weiterentwicklung des eigenen Wissens und der eigenen Fähigkeiten und als Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben." (PISA 2000: Die Studie im Überblick - Grundlagen, Methoden und Ergebnisse S.7)

Aus "Lernen für das Leben - Erste Ergebnisse der Internationalen Schulleistungsstudie 2000":

S. 147: "Der Leistungsvorsprung der Mädchen beim Leseverständnis ist nicht nur überall feststellbar, sondern auch groß. Im Durchschnitt sind es 32 Punkte, d.h. fast eine halbe Kompetenzstufe....In Mathematik ist der Durchschnittsabstand nur etwa ein Drittel so groß (11 Punkte zu Gunsten der Jungen). In den naturwissenschaftlichen Fächern halten sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen den Ländern die Waage."

und S. 151: "Diese Ergebnisse zeigen, dass die schwachen Leistungen der Jungen eine ernste bildungspolitische Herausforderung darstellen, der besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte, um geschlechtsspezifische Unterschiede abzubauen und den Anteil der Schülerinnen und Schüler auf dem untersten Leistungsniveau zu verringern."

"Die schwachen Leistungen bei 15-jährigen Jungen sind deshalb eine wichtige Angelegenheit."

Im Tabellenwerk des Statistischen Anhangs des EU-Bildungsberichtes setzt sich das Verschweigen der geschlechterspezifischen Differenz in der Lesekompetenz zuungunsten der Jungen fort. Die Tabelle, in der die Lesekompetenzen aufgeführt sind, sind nicht geschlechterspezifisch differenziert und verschweigen somit dem unbedarften Betrachter die geschlechtsspezifische Situation.

Die Nichtdarstellung der geschlechtsspezifischen Unterschiede bzw. die fehlende Forderung, diese Lesekompetenzdefizite der Jungen auszuräumen widerspricht deshalb dem Gender Mainstreaming als ganzheitlichem Ansatz zur Verwirklichung der Chancengleichheit von Mann und Frau, denn die PISA-Ergebnisse zeigen, ?dass die unterschiedlichen Lesegewohnheiten von Jungen und Mädchen weitreichende Konsequenzen für den Lernprozess haben können, auf die näher eingegangen werden muss, um innerhalb der Schulsysteme gleiche Bedingungen für Jungen und Mädchen zu erreichen.".


2. Berufswahlverhalten
Der niedrige Frauenanteil bei technisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen wird gerügt und die Förderung der Integration von Frauen in diesen Bereich im Rahmen der Chancengleichheit gefordert (Kapitel 1.3 "Zu wenig Frauen in den naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen").

Im Statistischen Anhang setzt sich dies fort. So sind die Tabellen zur naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen geschlechterdifferenziert aufgeführt.

Gleichzeitig wird der niedrige Männeranteil in der Lehrerschaft, insbesondere im Primärbereich und bis zur Sekundarstufe II (siehe hierzu "Thema 3-13/2003 Bildung in Europa - Schlüsselzahlen 200/2001" von eurostat) mit keinem einzigen Wort erwähnt noch wird eine Integrationsförderung männlicher EU-Bürger in diesen Bereich gefordert.

Tabelle: Anteil weiblicher Lehrkräfte (%)

Land auf ISCED-Stufe 1  auf ISCED-Stufe 2 auf ISCED-Stufe 3
Belgien78,1 8,0
Dänemark64,0 64,0  33,9
Deustchland82,059,240,3
Spanien70,8 2,2
Frankreich79,864,555,4
Irland82,258,6 
Italien94,873,159,0
Luxemburg66,541,1 
Niederlande77,6 1,1
Österreich90,365,348,1
Portugal82,170,067,3
Finnland73,271,157,3
Schweden79,962,650,3
Großbritannien81,659,159,1
Island78,3 6,6
Norwegen 2,645,0
Bulgarien91,578,774,5
Zypern79,766,351,5
Tschechien84,484,153,2
Ungarn86,284,260,1
Litauen98,281,967,9
Lettland96,884,275,3
Malta85,855,631,3
Polen83,573,960,9
Rumänien 5,361,7
Slowenien96,274,663,6
Slowakei93,376,567,3
Albanien73,554,554,6
Ehem. Jugoslawische Republik Mazedonien68,348,753,5

ISCED 1: Primarbereich - Je nach Land beginnt er im Alter von 4 bis 7 Jahren und erstreckt sich in der Regel auf 5 oder 6 Jahre. Die Bildungsgänge sollen den Schülern solide Grundlagen im Lesen, Schreiben und Rechnen sowie ein Grundverständnis in anderen Fächern vermitteln.

ISCED 2: Sekundarstufe I - In diesem Bereich besteht in allen untersuchten Ländern Schulpflicht. Die Ausbildung ist üblicherweise stärker fachbezogen. Das Ende dieser Stufe fällt meist mit dem Ende der Vollzeit-Schulpflicht zusammen.

ISCED 3: Sekundarstufe II - Beginnt üblicherweise im Alter von 15 oder 16 Jahren nach Ende der Vollzeit-Schulpflicht. Der Unterricht ist noch stärker fachbezogen, und oftmals müssen Lehrkräfte über höhere Qualifikationen als auf ISCED-Stufen 2 verfügen. Die Ausbildung kann allgemeinbildend, berufsvorbereitend (oft werden diese beiden Ausbildungsarten zusammengefasst) oder beruflich sein. Viele Ausbildungsgänge ermöglichen den Übergang zu ISCED 5.

(aus "Bildung in Europa - Schlüsselzahlen 2000/2001)

Der Integrationsförderung weiblicher EU-Bürger in den naturwissenschaftlich-technischen Sektor müsste parallel eine Integrationsförderung männlicher EU-Bürger in den erzieherischen Bereich erfolgen. Beides würde sich ergänzen. Es ist nicht im Sinne des Gender Mainstreaming, wenn Männerdomänen auch Frauen zugänglich gemacht werden, während Frauendomänen festzementiert werden. In Deutschland z.B., wird trotz 85% Frauenanteil in den Grundschulen (1. bis 4. Klasse) durch Landesgleichberechtigungsgesetze, die einen Frauenförderplanung und Frauenvertretung selbst in diesen Bereichen fordern, die Integration männlicher Mitbürger sogar noch behindert.

Wir wenden uns vertrauensvoll an Sie mit folgenden Bitten:
  1. Umsetzung des Gender Mainstreaming auch im Bildungsbereich und der Bildungsberichterstattung u.a. durch Darstellung und Würdigung der Benachteiligungsbereiche von Jungen und männlichen Jugendlichen.

  2. Stärkung der Lesekompetenz bei gleichzeitigem, gezielten Abbau der Differenz der Lesekompetenz zwischen Jungen und Mädchen.

  3. Förderung der Integration männlicher EU-Bürger in den Erziehungsbereich.

Wir bedanken uns für Ihr Bemühen im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

(i.A. MANNdat e.V. - geschlechterpolitische Initiative)

Hinweis: Dieses Schreiben wird im Internet u.a. unter www. MANNdat.de veröffentlicht. Eine eventuelle Rückantwort von Ihnen werden wir - unter Wahrung der Persönlichkeitsrechte des Verfassers - dort ebenfalls veröffentlichen.

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