Text zum Bildungsbericht der EU
Der folgende Text wurde am 13. 04. 2004 an die EU-Kommission "Bildung" und den Europäischen Rat verschickt. Gegenstand ist den EU-Bericht über "allgemeine und berufliche Bildung"
Sehr geehrte Damen und Herren,
Bildung ist eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen zur Persönlichkeitsentwicklung. Aus diesem Grunde halten wir Bildungsberichte für essentiell. Dennoch ist Ihr Bildungsbericht zu kritisieren, da er nicht koform mit dem Gender Mainstreaming-Ansatz ist.
Sie stellen die Benachteiligungsfelder der weiblichen EU-Mitbürger explizit dar, lassen die Benachteiligungsfelder der männlichen EU-Mitbürger jedoch unerwähnt. So fehlt ausgerechnet bei der Lesekompetenz nach PISA die getrennte Darstellung nach Geschlechtern, also ausgerechnet dem Bereich, bei dem die Jungen extrem schlechtere Werte zeigen als die Mädchen und zwar in allen Ländern. Diese systematische Ausgrenzung der Darstellung männlicher im Gegensatz zu weiblichen Benachteiligungsfeldern widerspricht eindeutig dem Gender Mainstreaming-Ansatz, nach dem die Situation der weiblichen und männlichen Mitbürger gleichermaßen dargestellt werden müsste.
PISA resümiert: "Diese Ergebnisse zeigen, dass die schwachen Leistungen der Jungen in den meisten OECD Staaten eine ernste bildungspolitische Herausforderung darstellen, der besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte, um den Anteil der Schülerinnen und Schüler auf dem untersten Leistungsniveau zu verringern."
Auf Grund des vorliegenden Bildungsberichtes haben wir den Eindruck, dass die EU die Bekämpfung der schlechteren Lesekompetenzen der männlichen Jugendlichen nicht als Ziel erachtet.
Weiterhin wird der niedrige Frauenanteil bei technisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen gerügt und die Förderung der Integration von Frauen in diesen Bereich im Rahmen der Chancengleichheit befürwortet. Der extrem niedrige Männeranteil im primären Erziehungsbereich wird jedoch nicht einmal erwähnt, geschweige denn als Benachteiligungsfeld betrachtet oder gar deren Förderung befürwortet (siehe hierzu "Thema 3-13/2003 Bildung in Europs - Schlüsselzahlen 200/2001" von eurostat). Diese ambivalente Sichtweise widerspricht ebenfalls eindeutig dem Gender Mainstreaming-Ansatz und damit geltendem europäischen Recht. Eine echte gerechte Geschlechterpolitik müsste parallel zur Integration von Frauen in männerdominierte Bereiche auch die Integration von Männern in frauendominierte Bereiche beinhalten. Ein neue Geschlechterpolitik kann nicht erfolgreich sein wenn der erziehungsbereich Frauendomäne bleiben sollte.
Das Engagement der EU beim Gender Mainstreaming-Ansatz würde glaubwürdiger klingen, wenn sich die EU objektiv und unvoreingenommen den Poblemen der männlichen EU-Bürgern ebenso widmen würde wie den weiblichen, was im vorliegenden Bildungsbericht definitiv nicht geschehen ist. Vielmehr müssen wir den Eindruck gewinnen, dass hier bewusst ein verzerrtes Abbild der Bildungsituation gegeben wird, um ein mangelndes Engagement bezüglich einer dringend notwendigen spezifischen Jungenförderung im Bereich der Lesekompetenz und der Integrationsförderung der jungen Männer in den Primärbereich rechtfertigen zu können.
Wir bitten deshalb darum, den Bildungsbericht entsprechend zu ergänzen und zukünftig die Bildungssituation objektiv für beide Geschlechter darzustellen, d.h. auch die erheblich schlechteren Lesekompetenzen der Jungen und die Jungen spezifisch schlechtere Lesekompetenz als Ziel Ihrer Bekämpfungsstrategie zu nennen. Wir bitten weiterhin darum, auch die Integration der jungen Männer in den Erziehungsbereich zu fördern anstatt der weiteren Feminisierung des Erziehungsbereiches tatenlos zuzusehen.
Über ein Rückantwort von Ihnen würden wir uns freuen und danken Ihnen schon im voraus.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Köhler
i.A. von MANNdat - geschlechterpolitische Initiative
Hinweis: Dies ist eine offene Mail und wir u.a. unter
www.MANNdat.de veröffentlicht. Falls wir nichts Gegenteiliges hören, gehen wir davon, dass einer Veröffentlichung einer eventuellen Antwort von Ihnen ebenda nichts im Wege steht.
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