Schreiben an das Frauenministerium von Rheinland-Pfalz

Das Schreiben (vom 08. 09. 2003):

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind im Internet auf Ihre Seite "Frauen - mit Frauen in die Zukunft" (http://www.mbfj.rlp.de/frauen/) gestoßen, auf der Sie die Schwerpunkte der Frauenpolitik in Ihrem Bundesland skizzieren. Männerpolitik scheint es in Rheinland-Pfalz hingegen nicht zu geben: einen entsprechenden Politikschwerpunkt sucht man vergeblich, und wenn man die Suchfunktion auf der Homepage Ihres Ministeriums nutzt, bekommt man für den Suchbegriff "Männer" nur 14 Ergebnisse, für "Frauen" dagegen 75.

Damit nicht genug. Die ersten Ergebnisse, die einem auf den Suchbegriff "Männer" hin angezeigt werden, verweisen auf die Dokumente "Wozu Frauenpolitik in Rheinland-Pfalz?", "Schulbauprogramm 2003" und "Neufassung des Schulgesetzes". Offenbar haben Männer in Rheinland-Pfalz ein derart sorgloses Leben, dass sich die Politik nicht weiter um sie zu kümmern braucht.

Frauen dagegen "verdienen nach wie vor im Durchschnitt weniger als Männer", heißt es im Abschnitt "Wozu Frauenpolitik in Rheinland-Pfalz?". Das stimmt, aber man sollte die Gründe hierfür nicht verschweigen, die allesamt eher wenig mit Frauendiskriminierung zu tun haben.


  • So sind Männer häufiger als (besser bezahlte) technische Angestellte tätig, Frauen dagegen häufiger in kaufmännischen Berufen.

  • Jeder fünfte Mann hat eine Hochschulausbildung, aber nur knapp jede zwanzigste Frau.

  • Weibliche Angestellte sind im Durchschnitt jünger (36 Jahre, Männer 42) und haben damit ein geringeres Dienstalter (9 bzw. 13 Jahre).

  • Frauen machen weniger Überstunden und leisten seltener Schichtarbeit.

  • Sie üben seltener als Männer Tätigkeiten aus, für die es Schmutz-, Lärm- oder Gefahrenzulagen gibt.


Dies alles hat übrigens das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend herausgefunden.

"Frauen sind kaum in Vorständen, Aufsichtsräten oder Führungsfunktionen in Wirtschaft und Gesellschaft zu finden", heißt es im selben Abschnitt. Auch an dieser Aussage ist, für sich gesehen, wenig auszusetzen, aber auch hier erfährt man die Ursachen für diesen Umstand nicht:


  • Ende der neunziger Jahre strebte nur ein Drittel der weiblichen Studienberechtigten einer Umfrage zufolge eine leitende Stellung an, aber fast die Hälfte ihrer männlichen Kommilitonen.

  • Wichtig ist den Studentinnen an einem Beruf "Selbstverwirklichung, Spaß und Soziales", ein hoher Verdienst dagegen weniger vorrangig. Sie studieren daher überwiegend weniger karriereträchtige Fächer wie Germanistik, Anglistik, Romanistik, Pädagogik und Psychologie.

  • In den meisten Familien läuft es noch heute darauf hinaus, dass die Männer das Geld verdienen und Karriere machen, während die Frauen andere Prioritäten setzen, sich lieber ihren Kinderwunsch erfüllen anstatt freiwillig einem stressigen Karrierejob mit wenig Privatleben nachzugehen. Eine Wahlfreiheit, um die sie von Männern übrigens aufrichtig beneidet werden.

Das Kapitel "Frauen und Beruf" widmet sich u.a. den Bemühungen, Mädchen für Berufe im Informations- und Telekommunikationssektor zu gewinnen. Jedoch fehlt es offenbar gänzlich an Bemühungen, Männer verstärkt für sogenannte "Frauenberufe" (Erzieher, Grundschullehrer, Sozialpädagogen) zu gewinnen. Dies vor dem Hintergrund, dass Jungen in der Schule gegenüber den Mädchen immer mehr ins Hintertreffen geraten. Viele von ihnen wachsen ohne Vater auf; es fehlt ihnen völlig an positiven männlichen Leitbildern. Fachleute fordern daher seit langem mehr männliches Erziehungspersonal in Kindergärten und Grundschulen; getan hat die Politik - nicht nur in Rheinland-Pfalz - bislang nichts, um hier Anreize zu schaffen. Nebenbei: die einseitige Propagierung "männlicher" Berufe auch für Frauen führt dazu, dass "Frauenberufe" gesellschaftlich noch weniger angesehen sind als bislang; dabei sind sie mindestens genau so notwendig für unsere Gesellschaft wie die so emsig propagierten Computerjobs.

Ihre Ausführungen zum Thema "Gewalt gegen Frauen" legen den Schluss nahe, dass ausschließlich Frauen Opfer von Gewalt werden, und zwar vor allem im häuslichen Bereich. Dem steht jedoch eine inzwischen sehr stattliche Anzahl von wissenschaftlichen Studien aus der ganzen Welt entgegen, die besagen, dass Männer in etwa genau so häufig wie Frauen Opfer häuslicher Gewalt sind. Hilfsangebote für betroffene Männer sind jedoch sehr dünn gesät, Polizei und Justiz glauben ihnen oft nicht, dass ihre Partnerinnen sie misshandeln, und in den Medien stoßen sie - im Gegensatz zu weiblichen Opfern - nicht auf Verständnis, sondern auf Spott und Unverständnis.

Wir können uns nicht vorstellen, dass Ihnen diese Tatsachen nicht bekannt sind, und es ist für uns nur schwer nachzuvollziehen, dass die Politik sich dieses Themas nicht annimmt. Opfer von Gewalt sind für die Politik offenbar nur von Interesse, wenn es sich bei ihnen um Frauen handelt.

"Frauen und Gesundheit": Männer haben in Deutschland eine um etwa sieben Jahre niedrigere Lebenserwartung als Frauen. Sie haben seltener und später als Frauen einen gesetzlichen Anspruch auf Krebs-Vorsorgeuntersuchungen. Sie können weder auf ein flächendeckendes Angebot an Männerärzten noch auf Männergesundheitszentren zurückgreifen. Die Forschungsaufwendungen zur Bekämpfung von Hoden- oder Prostatakrebs liegen um ein Vielfaches unter denjenigen für Brustkrebs. Auch wenn der Herzinfarkt bei Frauen oft nicht erkannt wird, tritt er bei Männern immer noch wesentlich häufiger auf.

Eigentlich legt diese Situation nahe, dass sich Politik und Gesundheitswesen massiv um die Zielgruppe der Männer kümmern, sich darüber Gedanken machen, warum Männer krank werden und früher sterben, die Forschungsetats für diejenigen Krebsarten aufstocken, von denen überwiegend Männer betroffen sind, sie in den Mittelpunkt von Aufklärungskampagnen stellen, sie zur verstärkten Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen animieren, den Ursachen für die hohe Selbstmordrate unter Männern wie für Alkohol- und Drogensucht auf den Grund gehen, medizinische Anlaufstellen speziell für Männer einrichten usw.

Doch derjenige, der sich im Internetangebot Ihres Ministeriums über die Gesundheitsvorsorge speziell für Männer informieren möchte, findet zu diesem Thema rein gar nichts. Statt dessen erfahren wir: "Frauen erkranken anders als Männer", wird die Benachteiligung von Frauen bei der Erkennung von Herzinfarkten beklagt. Sind Frauen die wertvolleren Menschen?

Wo bleibt bei alldem eigentlich das "Gender Mainstreaming"? Es bedeutet, "alle politischen Maßnahmen und Entscheidungen so zu gestalten, dass die Beteiligten die Gleichstellung von Frauen und Männern bzw. von Mädchen und Jungen in der Planung, der Durchführung, der Begleitung und Bewertung von Anfang an in allen Bereichen und auf allen Ebenen einbeziehen. (http://www.mbfj.rlp.de/frauen/gender_mainstreaming.html). Doch für Gender Mainstreaming ist in Rheinland-Pfalz das Frauenministerium, und dort dazu auch noch die Frauenabteilung, zuständig. Wer thematisiert in Ihrem Bundesland die spezifischen Probleme von Männern, wenn "Gender Mainstreaming" in einem Umfeld stattfindet, in dem der Fokus offenbar ausschließlich auf den Belangen von Frauen liegt? Von einem echten "Gender Mainstreaming"-Ansatz kann unter diesen Umständen nicht die Rede sein. Es scheint uns eher, als werde dieser schillernde Begriff zum Vorwand für die altbekannte einseitige Frauenförderung genommen.

Nimmt die Politik in Ihrem Bundesland die Lebenswirklichkeit auch von Männern wahr, und ist sie bestrebt, auch ihnen geschlechtsspezifisch Hilfestellung, Beratung und Förderung zukommen zu lassen? Für all' dies haben wir im Internetangebot Ihres Ministeriums keinerlei Anhaltspunkte gefunden. Vor dem Hintergrund der vielfältigen Probleme, die auch und gerade Männer hierzulande haben, erscheint uns die einseitige Fokussierung auf Probleme und Bedürfnisse der Frauen als ebenso problematisch wie unzeitgemäß.

Wir würden uns über eine konstruktive Antwort von Ihnen auf unser Schreiben sehr freuen. Wenn wir mit unseren Ausführungen ein wenig dazu beitragen konnten, ein gewisses Bewusstsein für die speziellen Probleme von Männern zu entwickeln, das sich irgendwann auch in konkreten politischen Maßnahmen äußert, würden wir dies ebenfalls sehr begrüßen.

Mit freundlichen Grüßen

..........

P.S. Dieses Schreiben geht in den nächsten Tagen per E-Mail auch den Redaktionen einiger Tageszeitungen in Rheinland-Pfalz zu und wird im Internet unter "http://www.manndat.de" veröffentlicht. Wir gehen davon aus, dass Sie gegen die Veröffentlichung des Briefes keine Einwände erheben.

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