Anfrage an das Bundesbildungsministerium und die Parteien

Die Anfrage an das Bundesministerium für Bildung und Forschung und an die Parteien CDU, SPD, Bündnis 90 / Die Grünen und FDP

Chancengleiche Bildungspolitik für Jungs im Sinne der Gender-Mainstreaming-Ansatzes

- Offene Anfrage -

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte an Sie eine Anfrage bezüglich chancengleiche Bildungspolitik für Jungs im Sinne der Gender-Mainstreaming-Ansatzes stellen.

Die PISA-Studie hat ergeben, dass die Jungs wesentlich schlechtere schulische Leistungen gezeigt haben als die Mädchen.

Für Deutschland ist der Unterschied Mädchen/Jungen:


  • Lesen: 35 Punkte zu Gunsten der Mädchen

  • Mathematische Grundbildung: 15 zu Gunsten der Jungen

  • Naturwissenschaftliche Grundbildung: 3 zu Gunsten der Jungen (nicht signifikant)


[Hier ist im Original ene verdeutlichende Excel-Tabelle eingebettet]

Die PISA-Studie kommt zu folgenden Empfehlungen:

"Die politischen Entscheidungsträger sollten sich daher eingehend mit den geschlechtsspezifischen Leistungsunterschieden auseinandersetzen."

"Diese Ergebnisse zeigen, dass die schwachen Leistungen der Jungen eine ernste bildungspolitische Herausforderung darstellen, der besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte, um geschlechtsspezifische Unterschiede abzubauen und den Anteil der Schülerinnen und Schüler auf dem untersten Leistungsniveau zu verringern."

"Die politischen Entscheidungsträger haben Fragen der Gleichstellung von Mann und Frau eine erhebliche Priorität eingeräumt, wobei den Benachteiligungen von Frauen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die Ergebnisse von PISA weisen einerseits darauf hin, dass viele Länder in ihren Bemühungen erfolgreich waren, andererseits aber auch auf zunehmende Probleme männlicher Schüler vor allem im Bereich Lesekompetenz und am untersten Ende des Leistungsspektrums."

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede, insbesondere die größeren schulischen Probleme der Jungs, sind schon vor der PISA-Studie bekannt gewesen. Nachfolgend sind chronologisch einige Pressemeldungen zu diesem Thema aufgelistet:

Frankfurter Rundschau 22.07.1999, Wigbert Tocha:

"32 Prozent der Mädchen, aber nur 24 Prozent der Jungen besuchten im Jahr 1995 das Gymnasium - ein Trend, der sich seitdem eher noch verschärft hat. Dagegen gehen 13 Prozent der Mädchen, aber 16 Prozent der Jungen auf die Hauptschule; noch auffälliger ist es bei der Sonderschule: Nur zu einem Drittel besuchen diese Schule Mädchen, dafür zu zwei Dritteln Jungen. Und in Hessen waren 1997 im Jahr 1997 nur 850 Mädchen ohne Hauptschulabschluss - aber 1587 Jungen."

Christoph Kucklick in Geo Wissen 09/00 Neuer Mann - was nun?:

"Etwa in der Schule. Dort haben Mädchen ihre männlichen Klassenkameraden deutlich abgehängt. Als Faustformel gilt: Je anspruchvoller der Schultyp, desto höher der Anteil der Mädchen. Bei den Jugendlichen ohne Schulabschluss, Sonderschülern, Hauptschülern stellen Jungen die große Mehrheit. Auf den Gymnasien und den Fachschulen dominierten dagegen die Mädchen, bei Studienanfängern herrscht nahezu Geschlechterneutralität. In puncto Leistung liegen die Schülerinnen ebenfalls vorn, sie bringen die besseren Noten nach Hause: Jahr für Jahr bleiben mehr als doppelt so viele Jungen wie Mädchen sitzen.

Allerdings: Nachdem das Dogma von den diskriminierten Mädchen lange die schulpädagogische Debatte beherrschte, seien heute Studien über und Förderprogramme für Jungen dringend erforderlich, moniert etwa der Berliner Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz: "Schulversagen ist vor allem ein Jungenproblem. Wer sich als Geschlechterforscher darum nicht kümmert, dem muss man sagen, dass er - oder sie - sich vor der wichtigsten schulischen Thematik drückt."

Anja Krumpholz-Reichel in: "spielen und lernen", 7/2001, S. 15-20:

"... Der Schulbetrieb scheint für Söhne eine besonders hohe Hürde zu sein: 30 Prozent mehr Jungen als Mädchen werden wegen fehlender Schulreife zurückgestellt. Sie wiederholen häufiger Klassen als ihre Mitschülerinnen. 229640 Schüler besuchten im Schuljahr 1999/2000 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes eine Sonderschule für lernbehinderte Kinder - darunter waren nur 88053 Mädchen.

Geo Magazin 03/03 Johanna Romberg:

"An Gymnasien, wo sie über Jahrzehnte deutlich in der Mehrheit waren, stellen Jungen heute nur noch 45,6 Prozent der Schüler. An Sonderschulen sind sie dagegen mit 63,6 Prozent klar überrepräsentiert."

Nach dem Gender-Mainstreaming-Ansatz bedürfen solche geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Schulleistung und geschlechtsspezifische Verteilungen in den verschiedenen Schultypen einer systematischen Analyse und geeigneter Förderprogramme, um Chancengleichheit herzustellen.

Mit Sorge haben wir deshalb die OECD-Veröffentlichung "Bildung auf einen Blick" - Wesentliche Aussagen der OECD zur Ausgabe 2002 - des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur Kenntnis genommen. In diesem werden mehrfach und umfassend die Probleme der Mädchen beim Umgang mit dem Computer und die Unterrepräsentanz der Frauen in den naturwissenschaftlichen Bereichen erwähnt. In dem ganzen 32-seitigen Bericht ist jedoch kein einziges Wort über die erheblichen Probleme der Jungs in der Schule zu finden.

Es hat den Anschein, als würde sich die Bundesrepublik Deutschland nicht der bildungspolitischen Herausforderung der Beseitigung jungenspezifischer Schulprobleme stellen wollen. Aus diesem Grund möchten wir folgende Anfragen stellen:


  • Sind von Ihnen im Sinne des Gender-Mainstreaming-Ansatzes Untersuchungen über die Ursachen der unterschiedlichen Verteilungen von Jungs und Mädchen in den einzelnen Schultypen bzw. die unterschiedlichen schulischen Leistungen von Jungs und Mädchen in Auftrag gegeben worden, und wenn ja, welche sind dies konkret?

  • Ist von Ihrer Seite beabsichtigt jungensspezifische bildungspolitische Maßnahmen durchzuführen und wenn ja, welche konkret werden das sein?


Vielen Dank im voraus.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Köhler
im Auftrag von MANNdat e.V. - geschlechterpolitische Initiative

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